The Agenda
KI-gestützte Strategiearbeit: Dr. Zeno Staub, Verwaltungsrat Vontobel, über die Zukunft von Vorstands- und Aufsichtsräten bei der Unternehmensführung
Ein prägnanter Einblick darin, wie Vorstände ihre Strategie schärfen können, indem sie einen klaren Nordstern mit agilem, KI‑gestütztem Entscheiden in unsicheren Zeiten verbinden.

Über unseren Gast
Dr. Zeno Staub
Dr. Zeno Staub verfügt über mehr als 30 Jahre Führungserfahrung im Finanzsektor, darunter eine längjährige Tätigkeit als CEO von Vontobel. Derzeit ist er Mitglied des Verwaltungsrats von Vontobel, der Bühler Gruppe und WorldReplica sowie Präsident des Universitätsrats der Universität St. Gallen. Seine Arbeit umfasst heute die moderne Strategieentwicklung, Corporate Governance und die sich wandelnde Rolle der KI bei der Unterstützung von Führungskräften und Aufsichtsgremien.
In dieser Episode hören Sie:
Reichen klassische Planungsprozesse noch aus, um langfristig die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern – oder braucht es ein grundlegend neues Strategieverständnis?
In dieser Folge des The Agenda Podcasts von Sherpany, erläutert Dr. Zeno Staub – Verwaltungsrat von Vontobel und Präsident des Universitätsrats St. Gallen – wie Vorstände und Aufsichtsräte die Entscheidungsfindung in Zeiten der Ungewissheit und KI in einer von stärken können.
Dr. Staub stellt ein strategisches Modell vor, das die klassische Langzeitplanung mit agilen, KI-gestützten Entscheidungszyklen verbindet. Im Mittelpunkt seines Ansatzes steht die Kombination eines klar definierten „Nordstern“ mit einem dynamischen, kontinuierlich aktualisierten Portfolio strategischer Maßnahmen. Dies hilft Führungskräften, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und sich gleichzeitig schnell an neue Marktsignale anzupassen.
Im weiteren Verlauf der Episode geht er auf folgende Kernpunkte ein:
- Warum klassische 3- bis 5-Jahres-Planung in volatilen, fragmentierten Märkten an ihre Grenzen stößt – und was Vorstände stattdessen tun sollten.
- Wie ein klar definierter „Nordstern“ als strategischer Kompass funktioniert, der Unternehmen auch in schnelllebigen Organisationen auf Kurs hält.
- Warum Strategien oft nicht aufgrund von Kapital- oder Fachwissensmangel scheitern, sondern aufgrund von Misalignment zwischen Teams und Führungsebene.
- Wie KI die Phasen „Beobachten“ und „Orientieren“ des OODA-Loops skaliert und beschleunigt, sodass Führungskräfte Signale früher erkennen, Komplexität besser verstehen und genauere strategische Entscheidungen treffen.
- Wo die Grenzen der KI in der Strategiearbeit liegen – insbesondere in Bezug auf Verantwortung, Urteilsvermögen und Rechenschaftspflicht.
- Wie Vorstände KI nutzen können, um Blind Spots, aufkommende Risiken und alternative strategische Szenarien aufzudecken.
- Warum zukünftige strategische Exzellenz von Führungskräften abhängt, die über das durchschnittliche Weltwissen hinausdenken und vorherrschende Annahmen hinterfragen
Highlights der Episode
Frage:
Welche neuen Ansätze unterstützen Unternehmen dabei, schneller und effektiver zu planen? Und welche Rolle nimmt KI ein, die Vorgehensweise zu verbessern?
Dr. Zeno Staub:
Strategie ist entscheidend und auch strategische Planung ist entscheidend, weil die Strategie am Schluss nicht nur das Ziel, sondern auch den Weg zum Ziel definiert. Jetzt hängt natürlich einfach die Art und Weise der Strategiedefinition und der Strategieplanung von der Branche, vom Unternehmen, aber natürlich auch vom Umfeld ab. Und hier haben wir in den letzten Jahren sicherlich Änderungen erlebt.
Was hat sich verändert? Ja, das Umfeld. Aber etwas, was sich auch verändert hat, ist die Erwartungshaltung vieler Mitarbeitenden an die interne Kultur, an die Führung. Die herkömmlichen Strategieprozesse – sehr auf lange Zeit angelegt, sehr strukturiert durchgeplant, sehr arbeitsteilig – gehen implizit von einer gewissen „Command-and-Control“-Kultur aus. Sie unterstellen, dass das beste Wissen im Kopf des „highest paid individual in the room“ ist.
Während wir gelernt haben, dass das Expertenwissen in den Kapillaren der Organisation entscheidend ist. Zweitens haben sich die kulturellen Anforderungen dieser Experten stark verändert: Sie erwarten Empowerment, Freiheitsgrade und unternehmerische Rahmenbedingungen. Auch aus diesem Grund muss man die Strategiewerkzeuge anpassen.
Frage:
Du bist Mitautor eines White Papers … und da steht auch eine Passage, wie man die KI einsetzen sollte – vor allem wofür man sie einsetzen sollte und wofür aber auch nicht?
Dr. Zeno Staub:
Ja, die KI hat heute ein Qualitäts- und Leistungsniveau erreicht. Jetzt müssen wir aufpassen, denn die Innovationszyklen sind auf Quartals-, Halbejahresbasis immens. Aber sie hat für diese Beobachtungs- und Orientierungsarbeit plus das Erarbeiten von Szenarien und Varianten, das Vergleichen von Szenarien und Varianten, das Abtiefen einzelner Szenarien eine handwerkliche Qualität erreicht, die eben einen Associate-Level-Strategie-Finanzanalysten erreicht hat. Und ich glaube, so sollte man sie einsetzen.
Ich glaube, man sollte sie nicht dafür einsetzen, Entscheid oder die Verantwortung delegieren zu wollen. Man wird das in absehbarer Zeit nicht so aufsetzen können, dass es diesen letzten Schritt übernimmt. Ich glaube auch, dass die Verantwortung beim Menschen bleiben muss.
Wo du auch den Menschen brauchst, ist im Alignment der Organisation. Bei Erfolg ist irgendwie 10 Prozent Strategie und 90 Prozent Execution. Für die Execution ist das Alignment der Organisation, das Followership, die gemeinsame Überzeugung entscheidend.
Ich habe selten Organisationen gesehen, die an technischen Kapazitäten, Skills oder Finanzen scheitern. Sie scheitern daran, dass es kein Alignment über die Stoßrichtung und das Vorgehen gibt. Dafür braucht es den Menschen. Du wirst ganz selten von einer KI inspiriert werden.
Wenn du ein Schiff bauen willst, lehre die Menschen die Sehnsucht nach der hohen See. Die Sehnsucht wird immer ein Mensch generieren. Aber heute hast du den Vorteil, dass du die KI fragen kannst, wie baue ich jetzt das Schiff.
Frage:
Warum ist aus deiner Sicht jetzt der Zeitpunkt, die Strategiearbeit grundlegend neu zu denken und dabei KI zu integrieren?
Dr. Zeno Staub:
Weil die Zukunft auf niemanden wartet. Moderne KI macht das Durchschnittsweltwissen faktisch gratis verfügbar. Das ist der logische Aufsatzpunkt für jede White-Color-Arbeit. Und es muss der Anspruch an den Menschen im Prozess sein, besser zu sein als das durchschnittliche Weltwissen. Aber dafür muss er seine Ressourcen, seine Zeit, seine Kreativität, kritisches Denken, sein Bewusstsein dafür einsetzen, das durchschnittliche Weltwissen zu schlagen und nicht zuerst schon ins Schwitzen zu kommen bei der Erarbeitung dieser Baseline, die es heute einfach auf Knopfdruck gibt.
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